Liebe Mitglieder*innen, Interessierte und Unterstützer*innen,
Wir gehen gedanklich einmal zurück in den Dezember 2025. Genauer gesagt war es der 21. Dezember als sich am späten Nachmittag 10 Leute im alten Parteibüro der Linkspartei zusammen fanden. Sie alle hatten ein Ziel. Im folgenden Jahr den ersten Christopher Street Day in Gütersloh zu planen und stattfinden zu lassen. Dies war kein normales Planungstreffen oder ein einfaches Brainstorming. Dieser Nachmittag war durchstrukturiert und folgte einem strammen Zeitplan. Ein Verein sollte gegründet werden. Ein Verein um Diversität auch in dem Kreisgebiet Gütersloh sichtbar zu machen und eine Anlaufstelle für queere Menschen, oder Menschen die sich mit ihnen solidarisieren (die sogenannten Ally`s) zu schaffen. Ein Verein der nicht nur dafür gedacht ist einen jährlichen CSD zu organisieren und Aktivismus zu betreiben sondern auch ein Verein an dem sich Menschen vernetzen, informieren, weiterbilden und einfach eine schöne gemeinsame Zeit erleben können. Ein Verein in dem Zusammenhalt groß geschrieben wird und man füreinander einsteht.
Ein paar Stunden später war es vollbracht. Der Verein hatte einen gewählten Vorstand und das Gründungsprotokoll vollständig. Positionen im Vorstand besetzten Jelka Ceka und Tim Johannfunke als Vorsitzende, Rico Wagenknecht als Kassierer und Mieke Eustergerling sowie Christian Kochtokrax als Beisitzende. Der Verein war formell gegründet und wir waren bereit ihn beim Amtsgericht eintragen zu lassen. Ein paar Wochen später gab es allerdings eine spontan einberufene Mitgliederversammlung da aus persönlichen Gründen die beiden Vorsitzenden von ihrem Posten zurücktraten. Auf der außerplanmäßigen Mitgliederversammlung wurden die beiden Vorsitzenden neu gewählt. Die neue Doppelspitze bestand nun aus Maureen Gerdes sowie Christian Kochtokrax. Durch die Bewegung innerhalb des Vorstandes (Kochtokrax`aufrücken vom Beisitzerposten zum Vorsitzenden) musste dieser Beisitzerposten ebenfalls neu vergeben werden. Die Wahl für diesen konnte Jaron Maier für sich entscheiden. Der Vorstand war wieder komplett und man konnte sich wieder der Vereinsgründung bzw. den Planungstreffen für den ersten CSD widmen.
Kurze Zeit später gab es auch schon den Termin beim Notar, der es ebenfalls sehr begrüßte und erfreut war, dass es auch bald in Gütersloh einen CSD Verein geben soll. Das Gründungsprotokoll wurde notariell beglaubigt und zur Eintragung an die dafür zuständige Stelle im Amtsgericht weiter geleitet. Eine lange Zeit ging ins Land bis wir wieder etwas vom Amtsgericht und dem Notar hören sollten. Ämter halt. Währenddessen gab es rege Beteiligung bei den Planungstreffen. Der erste Gütersloher CSD sollte am 23. Mai diesen Jahres sattfinden, parallel zur Woche der Vielfalt und dem IDAHOBIT. Je mehr es sich rumsprach desto mehr Menschen wollten aktiv werden und Teil des Planungsteams werden. Teilweise wurden es so viele, dass man sich manchmal dachte: „Wo bringen wir die alle unter?“ Oder: „Ich bin beeindruckt. Wusste gar nicht, dass so viele Leute in den Frei:raum17 passen.“ Überwiegend wurden die Planungstreffen im Freiraum abgehalten, ab und zu musste auf das Parteibüro der Linken ausgewichen werden. Aber am Ende war der Ort egal. Auf allen Treffen rauchten die Köpfe und alle waren mit Leib und Seele dabei. Besonders schön ist die Tatsache, dass dort Menschen zusammen verschiedenster Parteien und politischer Ausrichtungen zusammen saßen die harmonisch an einer gemeinsamen Sache arbeiteten. Obwohl sich die Parteiprogramme oft im Inhalt unterscheiden und man beim Wahlkampf gegeneinander konkurriert gibt es dennoch den Punkt „queeres Leben schützen und sichtbar machen.“ Da sieht man, dass ein CSD wahrhaftig Brücken baut. Es entstand ein breites Bündnis aus 4 Parteien (die Linke, die Grünen, SPD und DKP mitsamt derer Jugendorganisationen) und verschiedener Organisationen wie zum Beispiel den Falken, dem Wertkreis, Haus Nordhorn, den Omas gegen Rechts und natürlich der AWO mit ihrem Arbeitskreis Gütersloh verliebt sich. Ein wirklich vielfältiges und buntes Bündnis. Passend zu unserem Verein.
Die Zeit rannte förmlich, denn der 23. Mai näherte sich mit großen Schritten. Zwischenzeitlich gab es Post vom Notar und dem Amtsgericht, dass ein paar Punkte und Passagen in der Satzung geändert werden müssten, um nach Vereinsrecht eingetragen werden zu können. Gesagt, getan… Wieder warten.
Und dann kam irgendwann der große Tag. Der erste CSD Gütersloh stand in den Startlöchern. Viele von uns konnten vor Aufregung die Nacht vorher kaum ein Auge zu machen. Die Köpfe waren voll mit Gedanken:
„Wird alles rund laufen? Hat sich die ganze Mühe gelohnt? Wird es Störungen von rechter Seite geben? Wie viele Menschen werden kommen? Haben wir irgendwas vergessen?“ Und so weiter. Doch im Nachhinein betrachtet waren diese Gedanken nicht von Nöten. Es war einfach ein wundervoller erster CSD. Als die Demo sich vom Gütersloher Hauptbahnhof in Bewegung setzte und man vom LKW die enorme Menschenmasse hinter uns sehen konnte fehlte dem ganzen Vorstand, der sich auf dem LKW befand, für einen Moment die Sprache Es kullerten Freudentränen und es wurden herzliche Umarmungen ausgetauscht. Das war der Moment wo wir uns dachten: Wir haben es geschafft. Wir haben hiermit in Gütersloh Geschichte geschrieben.
Wir rechneten mit 500 Teilnehmern und am Ende war es gut die dreifache Zahl der Menschen die wir mobilisiert haben. Nach der gelungenen Demonstration folgte das Straßenfest. Dies bestand aus vielen Infoständen sowie einer Bühne auf der nicht nur politische Reden ihren Platz fanden sondern auch Kunst, Kultur und Musik. Am Ende der Veranstaltung und nach dem Abbau gab es noch eine Helferfete im Linken-Parteibüro. Dort mussten sich viele „erst mal setzen.“ Und realisierten da erst was wir alle gemeinsam da geschaffen haben. Nach einem Abend in lockerer Atmosphäre und dem ein oder anderen Kaltgetränk fiel glaube ich jeder von uns hundemüde und erleichtert ins Bett. Und damit ging es offiziell in die wohlverdiente Sommerpause.
Doch diese musste durch einen Amoklauf auf den Berliner CSD pausiert werden. Am 25.07. fuhr ein religiöser Fundamentalist mit einem Transporter in eine Menschenmenge woraus viele Verletzte und ein Todesfall zu Folge waren. Das war der Moment wo wir uns dazu entschlossen direkt am nächsten Tag eine Mahnwache vor dem Gütersloher Rathaus abzuhalten und um ein Zeichen zu setzen gegen rechter und islamistischer Gewalt gegenüber queerer Menschen. Über 50 Menschen folgten der offiziellen Einladung unseres Vereins und trafen sich um gemeinsam zu trauern und um Blumen und Kerzen nieder zu legen. Und nun, weitere zwei Monate später sitzen wir hier gemeinsam. Immer noch ohne offizielle Vereinseintragung dank der Bürokratie und den dazugehörigen Wartezeiten. Doch wir lassen uns nicht unterkriegen.
Mit dieser Mitgliederversammlung endet hiermit die Sommerpause. Wir haben es innerhalb von nur 5 Monaten geschafft einen ganzen CSD auf die Beine zu stellen. Was glaubt ihr was wir erreichen können wenn wir jetzt wesentlich mehr Zeit und bereits bestehende Grundstrukturen haben? Jetzt geht es erst richtig los. Wir können mit gutem Gewissen die Messlatte jetzt etwas höher ansetzen um den zweiten Gütersloher CSD noch größer, sichtbarer und lauter werden zu lassen. Wir sind in der Bevölkerung angekommen und Teil des öffentlichen Lebens in Gütersloh. Oder anders ausgedrückt für die Konservativen und dem rechten Rand der Gesellschaft:
Wir sind jetzt da. Wir machen weiter. Basta!
Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit.
